Fünfzehn Narben – Mati Shemoelof | Jüdisch-arabische Texte
Fünfzehn Narben
Jüdisch-arabische Texte zu Politik und Poesie
Mati Shemoelof
AphorismA Verlag, Berlin, 2026
86 Seiten · Softcover
ISBN 978-3-86575-168-3
Mit einem Vorwort von Dr. Elad Lapidot
Fünfzehn Narben ist ein Buch über eine Katastrophe, die nicht nur Gaza zerstört, sondern auch die Gesellschaft, aus der der Autor stammt. Mati Shemoelof schreibt über den 7. Oktober, den Krieg in Gaza und im Libanon, über israelische Militarisierung, Erinnerung, Verdrängung und die Frage, was ein jüdisches Leben bedeuten kann, wenn es sich nicht auf die Herrschaft über ein anderes Volk gründen will.
Der Ausgangspunkt des Buches ist persönlich. Die fünfzehn Narben im Titel sind reale Narben auf Shemoelofs Kopf, die aus seiner Zeit in der israelischen Armee stammen. In seinem Text erinnert er sich an Demütigung, Gewalt und die Jahre als Soldat. Er erzählt von der Besatzung, von einem Kameraden, dessen Hand er auf dessen eigenen Wunsch mit einem Gewehrkolben brach, und von seinem Versuch, sich der Bewachung israelischer Siedler in den besetzten palästinensischen Gebieten zu entziehen. Die Narben werden dabei zu einem Bild für eine Gesellschaft, deren Militarisierung sich tief in Körper, Sprache und Erinnerung eingeschrieben hat.
Nach dem 7. Oktober beschreibt Shemoelof den Schock über das Massaker in Israel ebenso wie den Schock über die folgende Zerstörung Gazas. Er schreibt nicht aus einer neutralen Position. Er schreibt als israelischer Jude, als arabischer Jude, als ehemaliger Soldat, als Vater und als Mensch, der seit Jahren in Berlin lebt. Gerade diese widersprüchlichen Positionen hält er aus.
„Dieser Krieg, wie alle Kriege zuvor, wird keine Lösung bringen.“
Der Krieg erscheint im Buch nicht als isoliertes Ereignis, sondern als Teil einer längeren Geschichte von Vertreibung, Besatzung und Gewalt. Shemoelof verbindet die Erinnerung an die Nakba und die Besatzung mit seiner eigenen Familiengeschichte und mit der Geschichte der arabischen Jüdinnen und Juden. Seine jüdisch-arabische Herkunft wird dabei nicht zu einer Identitätsdekoration, sondern zu einer politischen und literarischen Perspektive.
„Ein arabischer Jude zu sein bedeutet für mich nicht, nach Dominanz zu streben, sondern auf Komplexität zu bestehen.“
Besonders radikal wird das Buch dort, wo Shemoelof über die Zerstörung Gazas und die Verantwortung israelischer Kultur schreibt. In seinem Essay „Israel verschließt die Augen vor dem Genozid in Gaza, die Literatur muß sie öffnen“ fragt er, wie eine Literatur auf eine Katastrophe reagieren kann, die von der eigenen Gesellschaft hervorgebracht wird. Er beschreibt die Zerstörung Gazas als einen „schrecklichen Präzedenzfall für die Menschheit im ersten Viertel des 21. Jahrhunderts“ und stellt die Frage, wie lange es dauern wird, bis Israel erkennt, dass es an einem Genozid beteiligt war.
Für Shemoelof ist Literatur deshalb nicht Beobachtung von außen. Sie ist eine Form der Verantwortung. Schreiben bedeutet, dort hinzusehen, wo eine Gesellschaft wegschaut. Es bedeutet, denjenigen zuzuhören, denen Wasser, Nahrung, Leben und politische Subjektivität genommen werden. Und es bedeutet, die eigene kulturelle und politische Gemeinschaft nicht von der Verantwortung auszunehmen.
Gleichzeitig ist Fünfzehn Narben kein Buch der Verzweiflung allein. Im Zentrum steht die schwierige Frage, ob aus den Narben eine andere Zukunft entstehen kann. Elad Lapidot schreibt in seinem Vorwort, Shemoelofs Texte seien Spuren eines Kampfes um eine „Neuerschaffung“ des israelischen Selbst. Die Literatur müsse Sprache und Bedeutungen verändern und nach einer Zukunft suchen, in der Israelis und Palästinenser nicht auf Sieg und Niederlage festgelegt sind.
So verbindet Fünfzehn Narben politische Essays, autobiografische Erinnerung und Poesie. Das Buch dokumentiert nicht nur eine Zeit der Gewalt. Es fragt, was nach einer solchen Katastrophe mit Erinnerung, Identität, Sprache und Literatur geschieht – und ob aus der jüdisch-arabischen Erfahrung eine andere politische Vorstellung entstehen kann: Gleichheit, Partnerschaft und ein gemeinsames Leben.