Mati Shemoelof im taz-Interview: Das jüdisch-arabische Gespräch ist verloren gegangen
Mati Shemoelof spricht in der taz über das verlorene jüdisch-arabische Gespräch, Israel, Palästina, Berlin und die Möglichkeiten eines neuen Dialogs.
Mati Shemoelef hat in Berlin arabische, israelische, palästinensische und deutsche Positionen zusammengebracht. Seit dem Massaker ist das schwerer als je zuvor, sagt er.
Wenn ich darüber nachdenke, wo ich frei über Israel / Palästina sprechen kann, dann fällt mir als erstes unsere Zeitschrift ein. Der Titel „Bridges“ ist genauso gemeint: Wir wollen Brücken bauen. Jede Ausgabe widmet sich Organisationen, die zusammenarbeiten, etwa der israelisch-palästinensischen Organisation Clean Shelter. Aber wir treffen uns hier, in Berlin: unser israelischer Herausgeber Josi Lampel, und Thaer Ayoub, ein palästinensisch-syrischer Dichter, und ich, als arabisch-jüdischer Israeli. Oder inzwischen bin ich eigentlich auch Berliner. Wir haben eine Möglichkeit, uns in der Diaspora zu treffen, wir sind eine internationale in Berlin beheimatete Gemeinschaft. Und wir verstecken unsere Israelis und unsere Juden nicht. Wir sind solidarisch. Wir wollen unsere Netzwerke nutzen, um miteinander zu reden und unsere Kunst, Geschichte, Poesie, Musik und Kultur zu teilen. Es ist nicht nur israelisch-palästinensisch, es ist multilingual und für mich ist es eine Antwort auf die Katastrophe. Die Katastrophe vom 7. Oktober und danach.
Doch was Berlin betrifft, da bin ich (inzwischen) ambivalent. Berlin war in der Vergangenheit ein fruchtbarer Ort, an dem wir uns treffen und austauschen konnten, die palästinensische, die israelische, aber auch die arabische Diaspora. Aber in den letzten Jahren, seit dem 7. Oktober, erfahren wir andere Dinge. Wir erleben, dass Menschen schweigen oder schweigen müssen, dass sie zum Beispiel nicht über den Genozid sprechen dürfen. Wir sehen, wie bei einer Filmvorführung von „No Other Land“, einem Film, der versucht, Solidarität zu zeigen damit, wie die Bevölkerung in der Westbank unter der Besatzung leidet, für eine Seite geklatscht werden darf und für die andere nicht. Wir möchten keine Spaltung. Wir wollen nicht, dass das Klatschen nur für Juden ist, und wir über unsere Partner in Palästina schweigen müssen.
Ich hatte immer zwei Identitäten. Meine Mutter hat arabisch mit ihrer Mutter gesprochen, ich bin auch Teil der arabischen Welt. Meine Beobachtung ist: Einiges, was ich vor 13 Jahren als ich nach Berlin gekommen bin kennengelernt und als selbstverständlich angesehen habe, ändert sich. Meinungsfreiheit war ein Wert. Aber heute geht ist es oft zu einem entweder – oder geworden. Und die Menschen sind schnell darin, andere wegen ihrer Meinung zu boykottieren. Ich weiß gar nicht, wer mich inzwischen wegen meiner Meinungen alles boykottiert. Aber ich höre nicht auf mit meiner Arbeit. Ich schreibe und ich schweige nicht. Ich fühle das Leid von den Familien in Südisrael, die ihre Angehörigen bei dem Massaker vom 7. Oktober verloren haben, und ich fühle das Leid von den Tausenden in Gaza in der Folge davon.
Ich denke, das Gespräch ist sehr wichtig. Ich war ein bisschen naiv, als ich 2013 nach Berlin gekommen bin. Heute sehe ich die Bedrohung, die daher kommt, dass die Menschen manche Dinge nicht aussprechen dürfen. Als wir Poetic Havla vor zehn Jahren angefangen haben, da war das einfach eine Idee, eine Lesung zu machen auf deutsch, arabisch und hebräisch, es war spontan, und und es war eine Möglichkeit für einen Austausch. Heute beobachte ich, dass viele Leute, die bei Poetic Havla an einem Abend auftreten, gar nicht mehr miteinander reden. Es gibt so viele Spaltungen. Wir haben damals die Idee geteilt, einen arabisch-jüdischen Raum zu haben. Es gibt heute keine Möglichkeiten mehr, so zusammen zu lesen. Das habe ich auch letztens in einem Artikel für eine Ausstellung geschrieben: das jüdisch-arabische Gespräch ist verloren gegangen.
Auch unsere mizrachische Position als arabisch-jüdische Menschen ist in Bedrängnis. In den Festivals und Lesungen, die wir gemacht haben, ging es auch darum, wieder eine Verbindung aufzubauen zum Mittleren Osten. Wir haben die Frage aufgeworfen, wie die Kultur des mittleren Osten Berlin beeinflusst. Und was wir alle von unseren Geschichten erinnern. 2021 haben wir das Nahost-Union-Festival gemacht, das war unsere Idee, eine NU parallel zur EU auszurufen. Das war der Moment, in dem ich meine Idee als arabischer Jude in Berlin umsetzen konnte. Eine Utopie. Ein Moment, wo wir uns zusammen etwas vorstellen konnten. Und wo auch Raum für das Leid war. Auch in Israel gibt es dieses Leid, aber sie reden nicht darüber.
Doch der Moment von 2021 ist vorbei. Ich habe auch Freundschaften verloren. Einige sagen, sie seien nach dem 7. Oktober „ausgenüchtert“, sie sehen keine Möglichkeit für Frieden mehr. Sie vertrauen nicht mehr, und sie sehen ihre eigene Identität durch das Zeigen der palästinensischen Flagge bedroht. Es gibt Leute, die sind zu radikalen Rechten geworden. 2021 war der Konflikt da, aber die Spaltung nicht so tief. Es gab Vertrauen, es gab Loyalität. Es gibt Stimmen, die nur fragen: „Was hast du gegen den Genozid gemacht?“ Und es gibt jüdische Menschen hier, die gegen Israel sind. Ich weiß nicht, was sie sich vorstellen. Free Palestine heißt für mich ein Ende der Besatzung. Für andere heißt es ein Ende von Israel.
Seit dem 7. Oktober 2023 sind auch die Deutschen sehr gespalten. Das ist auch ein Gewinn der AfD, dass die Leute inzwischen überzeugt sind, dass sie nicht offen reden können. Dabei ist es eigentlich eine Selbstverständlichkeit: Wir könnten über die Besatzung im Westjordanland mit denselben Emotionen reden, mit denen wir über die Besetzung der Ukraine sprechen.
Auch das ist ein Verlust von Berlin. Das bedauere ich. Wir haben die Nation und den nationalen Rahmen verlassen, wir hätten hier eine ganz eigene Möglichkeit. Aber die Leute nutzen sie nicht. Das Vertrauen, die Freundschaft, die es dafür braucht, ist zerbrochen.
First published in taz Berlin on 7 October 2026.
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