Ohne Titel (Warum fürchten wir uns vor dem Wort Liebe) – Mati Shemoelof

Ein Gedicht von Mati Shemoelof über Liebe, Schreiben, Verlust, Körper und Erinnerung.


Ohne Titel (Und eines Abends auf den Treppen zur Bar am Gordon-Beach)

Und eines Abends auf den Treppen zur Bar am Gordon-Beach, in dem Pub neben dem Hostel,
mmmmwo unter Rauchwolken Billard gespielt wird
lachen wir wie verrückt, ohne zu wissen, dass die Bar schließen, die Stadt sich verändern und
mmmmwir migrieren werden, tausende Kilometer und einen einzigen, nicht endenden Sonnen-
mmmmuntergang weit
auf den Spiegel in der Bar hat ein junger Mann mit Lippenstift geschrieben: „Jetzt ist es schon
mmmmzu spät“ und gegenüber von dir spiegelt sich jemand darin
der zwar noch nicht dick ist, dafür aber grau und faltig, drei Kurze bestellt und mit deiner
mmmmKreditkarte bezahlt
Dani hat die Krankheit noch nicht und Dvasch umarmt dich immer noch
plötzlich tritt ein Wahrsager auf, klein, mit gelbem, schütterem Haar, das er über die rosafarbene
mmmmGlatze mit den weißen Flecken gekämmt hat
lächelt, geht in leichten Schlangenlinien über den Schachbrett-Fußboden à la Twin Peaks,
mmmmstolpert fast zwischen den Stühlen der Bar
und geht ausgerechnet auf dich zu
du hast Angst vor ihm
Dvasch hält dein zitterndes Knie umklammert und Dani bringt einen Stuhl
„Willst du, dass ich dir aus der Hand lese?“ fragt er
„nur Gutes, das verspreche ich dir.“ Er öffnet deine zur Faust geballte Hand.


Ohne Titel (Wenn dein Kind verloren geht)

Wenn dein Kind verloren geht
kannst du nicht weitermachen
nicht mit Papier und nicht mit Kohle
ohne eine Idee ohne einen Lichtstrahl
du kannst dich nicht befreien
wo das süße Leben grausam zuschlägt
die Haare werden in einer unbekannten Sprache weiß
die Schneeflocken draußen, mit Regen vermischt, schmelzen in dem Moment, da sie vom
mmmmHimmel fallen
er sitzt mit dir am Strand der Trommler, in Tel Aviv, zehn Trommler zu einer einzigen
mmmmKakophonie vereint, die im Puls des Rhythmus manchmal variiert
dieses Chaos jagt vielen sicher Angst ein, doch er sitzt selig da, lächelt, raucht, mit einem
mmmmBier in der Hand, und seine Augen
heften sich an den Horizont, auf einen Ort, fern von dort, wo er großgeworden ist, dieses
mmmmLachen, versetzt dich zurück in den Hinterhof vom „Salon Masal“, er arbeitet hart
um die unzähligen Filme über die Proteste in Tel Aviv herauszubringen, erzählt dir von seinem
mmmmBesuch in Kairo, über die Kommune in Amerika
das „Theatron ha-Ohalim“ und die Anfangszeit von „Keschet“ in den sozialen Brennpunkten
mmmmimmer mit der Kamera in der Hand, pflückt er Proteste, wie ein Kind
Blumen pflückt, sie trocknet und ins Buch legt
der Schneeregen hört auf, und jetzt (ein so bezauberndes, immer unberührbar bleibendes Wort)
mmmmist da ein weißer Teppich ausgerollt


Anmerkungen:

  • „Salon Masal“: Wörtlich „Glücks-Salon“, ist der Name eines Cafés und bekannter Treffpunkt eines Kollektivs linker Israelis.

  • „Teatron ha-Ohalim“: Wörtlich „Theater der Zelte“, „Die Zelt-Bewegung“, aus der das „Theater der Zelte“ hervorgegangen ist, war eine Protest-Bewegung der mizrahischen, aus den orientalischen, arabischsprechenden Ländern eingewanderten Jüdinnen und Juden, die Anfang der 70er Jahre in „Katamonim“, einem der Brennpunkt-Viertel Jerusalems wirkte.

  • „Keschet“: Wörtlich „Regenbogen“, kurz für „Ha-Keschet ha-Demokratit ha-Mizrachit“ (Die demokratisch-mizrachische Regenbogen-Koalition), ist eine in den 90er Jahren gegründete NGO in Israel, die für die Rechte der Mizrahim eintritt.


Ohne Titel (Du verlierst den Namen deines Vaters)

Du verlierst den Namen deines Vaters
über den Wolken der Türkei
an dem Plastiktisch des Flugzeugs schreibt Roberto Bolaño über seine Tage auf einem
mmmmCampingplatz irgendwo in Spanien
setzt sich zum Schreiben in ein leeres Schwimmbecken
kämpft gegen Moskitos, die sich im Winter vermehren
genau dann, wenn die anderen Leute abreisen (Applaus für den, der nur im Sommer an ferne
mmmmOrte fliegt)
du siehst ihn mit seinem Buckel durch die Straßen von Barcelona gehen
einmal als Schriftsteller aus Südamerika, dann wieder kommt er aus dem Nahen Osten
doch im Augenblick liegt sein Grab in hundert Gedichten verborgen
schwindsüchtig und fahl auf der deutschen Straße mit den gepressten Häusern
ihr seid in die Mission der Exilanten versunken
plötzlich, als er einen Strauß Tulpen kauft, entfährt dir ein Wort auf Spanisch
der chilenische Schriftsteller dreht sich um
er ist entdeckt
ein Tasten in der Finsternis der gesprochenen Worte
die ferne Erinnerung an die Migration
die nahe Erinnerung an die Fremdheit
und die Straße mit den gepressten Häusern atmet nicht


Ohne Titel (Warum fürchten wir uns vor dem Wort Liebe)

Warum fürchten wir uns vor dem Wort Liebe?
Wir wollen den Bürgersteig aus Beton wie durchscheinende Wildblumen durchbrechen
die Gedichte zerbröseln in uns wie die alternden Glieder, die zwischen den Schatten zerfallen
wir ahnten nicht, dass Tage kommen würden, an denen wir Missglücktes hinter den Gedichten
mmmmverstecken
wir verstanden nicht, wieso unser Schatten nicht der echte Körper ist
auf dem Friedhof, wo es jetzt nach Leichen stinkt
und was du zu schreiben geschafft hast, schreibt sich weiter
in deiner Abwesenheit


Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer. First published in Lyrik stadtsprachen magazine, Issue 30.



Category:
Poetry

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Mati Shemoelof, Gedichte, Deutsche Gedichte, German Poetry, Liebe, Schreiben, Verlust, Erinnerung, Körper, Schatten, zeitgenössische Poesie