Berliner Zeitung, Nr. 10, Mittwoch, 13. Januar 2021 – Seite 16
Wie man einem toten Künstler die Hasenjagd erklärt
Anlässlich des Joseph-Beuys-Jubiläums spricht Joseph Sassoon Semah über seine Kritik am Ciganten der deutschen Nachkriegskunst
Jochen Mellin, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Wie man einem toten Künstler die Hasenjagd erklärt
Anlässlich des Joseph-Beuys-Jubiläums spricht Joseph Sassoon Semah über seine Kritik am Giganten der deutschen Nachkriegskunst
Berliner Zeitung, Nr. 10, Mittwoch, 13. Januar 2021 – Seite 16
In diesem Jahr feiert Deutschland den 100. Geburtstag von Joseph Beuys, einem der einflussreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Beuys galt als Heiler und Schamane Nachkriegsdeutschlands. Der in Amsterdam lebende jüdische Künstler Joseph Sassoon Semah wurde trotz seines intensiven künstlerischen Dialogs mit Beuys' Werk nicht zu den Feierlichkeiten eingeladen. Semah, Enkel des letzten Rabbiners aus Bagdad, der im Kindesalter nach Israel und später in die Niederlande emigrierte, behauptet, er wäre, selbst wenn er sich für die Teilnahme an der 100-Jahr-Feier beworben hätte, abgelehnt worden. Stattdessen entschied er sich, alternative Veranstaltungen in deutschen und niederländischen Institutionen zu organisieren.
Am 26. November 1965 führte Beuys in einer Galerie in Düsseldorf eine Performance durch, bei der er ein totes Kaninchen im Arm hielt. Er nannte die Performance: „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“. Beuys starb am 23. Januar 1986. Kurz darauf, am 24. Februar 1986, schuf Semah eine performative Antwort auf Beuys: „How to Explain Hare Hunting to a Dead German Artist“ (Wie man einem toten deutschen Künstler die Hasenjagd erklärt).
In unserem Gespräch kommentierte Semah: „Nun, sie werden Beuys nicht kritisieren, wenn sie das Jubiläum feiern. Deshalb haben wir mit Arie Hartog, dem Direktor des Gerhard-Marcks-Hauses in Bremen, gesprochen. Wir entschieden uns, mit einem Kunstprojekt zu antworten, das im Gerhard-Marcks-Haus, der Universität Amsterdam, dem Jüdischen Museum Amsterdam und dem Goethe-Institut Holland präsentiert wird. Die Veranstaltung wird verschiedene kritische Punkte aufzeigen, nicht nur aus meiner künstlerischen Perspektive, die von Beuys' Arbeit inspiriert wurde. Ich werde auch meine Erfahrungen als Jude einbringen.“
„Hasenjagd“ war ein Euphemismus für die Tötung von Juden durch die Gestapo während des Holocausts. Ihre Performance von 1986 war Teil einer Ausstellung im Gerhard-Marcks-Haus in Bremen, das einst zur Gestapo-Zentrale gehörte.
Joseph Sassoon Semah: Beuys starb am 23. Januar 1986, und etwa einen Monat danach fand meine Kunstaktion statt. Da er nun gestorben war, konnte ich den Titel seiner Performance „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ auf den Titel meiner Performance übertragen: „Wie man einem toten deutschen Künstler die Hasenjagd erklärt“. Deutschland war damals nicht das Deutschland von heute. Beuys war mit der Rekonstruktion von „Germania“ beschäftigt und hielt uns, die Juden, in Verkörperung des toten Hasen in seinen Händen. Die Frage sollte anders lauten. Meiner Meinung nach kümmerte sich Beuys lediglich um seine eigenen Wunden.
Mati Shemoelof: Sie selbst haben in Amsterdam öffentlich von Ihren Tagen als israelischer Soldat berichtet. Beuys hingegen hat sich nie zu seiner Nazi-Vergangenheit bekannt. Warum hat er das in Ihren Augen nicht getan?
Joseph Sassoon Semah: Es hat mich überrascht, dass Joseph Beuys kein Geständnis über seine Verwicklung mit der Nazi-Armee abgelegt hat. Beuys war 1936 Mitglied in der Hitlerjugend. Ich weiß, dass das obligatorisch war. Aber letztlich hat sich Beuys später, 1941, freiwillig zur Luftwaffe gemeldet. 1942 war Beuys auf der Krim stationiert und gehörte verschiedenen Kampfbomber-Einheiten an. Er hat sich freiwillig gemeldet. Niemand hat ihn gefragt. Er warf Bomben auf unschuldige Menschen. Auf seine geniale Art transformierte Beuys seine Subjektivität in das Leiden des deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Auf diese merkwürdige Art wurde Beuys selbst zum Opfer.
Mati Shemoelof: Einer der berühmten Sätze von Beuys lautet: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“ Beuys war Teil der Düsseldorfer Kunstschule, wo er forderte, dass die Schule ihre Türen für jeden öffnen sollte, der Künstler sein wollte. Die Kunstschule hat ihn wegen seiner radikalen Ansichten rausgeschmissen. Können Sie mehr über Ihre Antwort auf Beuys sagen?
Joseph Sassoon Semah: Ich habe bei meiner Performance in Amsterdam eine Umgebung geschaffen, die der der Beuys-Performance sehr ähnlich war. Ich saß auf einem Aluminium-Büroschrank mit einem Stuhl, der zu einem Wartezimmer der Gestapo in Berlin gehörte. Ich hatte ein Weinglas am Fenster. Und eine Neonröhre unter meinem Stuhl. Zwischen Kupferplatten hatte ich einen Talit (einen jüdischen Gebetsschal). In der Hand hielt ich einen Hasen, den ich aus Bronze gegossen hatte. Eines der Codewörter der Nazi-Wehrmacht lautete: „Jagt den Hasen“. Es bedeutete: Wir werden Juden jagen. Beuys hätte jedes andere Tier wählen können. Natürlich wählte er den Hasen. Er ging mit dem toten Hasen in die Galerie, wo er die Performance abhielt und ihm die Bilder, die er mit seinem eigenen Blut machte, in einer Sprache erklärte, die niemand verstand. Ich schloss daraus, dass er versuchte, mit dem Hasen auf Hebräisch zu sprechen.
Mati Shemoelof: Der Kunsthistoriker und Kurator Gideon Ofrat schrieb, Sie hätten Beuys zum Judentum bekehrt. In der einen Hand hielten Sie das Kaninchen und die andere wurde auf die Stirn gelegt, um Schmerz und zugleich tiefes Nachdenken zu symbolisieren. An der Wand hing ein Neonlicht, das das ewige Licht Gottes symbolisiert und auf das Kreuz antwortet, das sich unter dem Stuhl und dem Weinglas befand – ein Symbol für die Kreuzigung von Jesus Christus. Haben Sie Beuys persönlich kennengelernt?
Joseph Sassoon Semah: Ich habe ihn zweimal getroffen. Einmal in Berlin, in der Nationalgalerie. Er war ein freundlicher Mann. Er hat mich zu sich nach Hause eingeladen, ich bin aber nicht hingegangen. Wir trafen uns später wieder, ebenfalls in Berlin, kurz bevor ich Anfang der 80er-Jahre nach Amsterdam ging, und sprachen eine halbe Stunde lang. Ja, er kannte meine Arbeit, aber er war zu diesem Zeitpunkt das saubere, reine Gesicht Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg – und ich war nur ein junger Künstler.
Mati Shemoelof: Es klingt, als hätten Sie eine Art Hassliebe zu ihm. Einerseits stehen so viele Ihrer Kunstwerke im Dialog mit seiner Kunst. Andererseits können Sie die Position, die er als Opfer in der deutschen und europäischen Kunst eingenommen hat, nicht ertragen. Wieso sind Sie seiner Einladung nicht gefolgt?
Joseph Sassoon Semah: Vielleicht habe ich mich zu dieser Zeit nicht wirklich mit ihm beschäftigt. Vielleicht hatte ich das Nachkriegsdeutschland nicht wirklich im Blick. Um 1982 verließ ich Berlin und es war einfacher für mich, in Amsterdam zu arbeiten. 1982 schrieb ich einen Brief an Albrecht Dürer und erklärte ihm meine Gedanken zu Luther und Beuys.
Mati Shemoelof: Wenn Beuys noch lebte, wie stellen Sie sich seine Reaktion auf Ihre jüdische Performance vor, die Sie als Reaktion auf ihn geschaffen haben?
Joseph Sassoon Semah: Auf seine ironische Art hätte er mich zurückgewiesen. So wie er es schon mit dem Hasen getan hatte – indem er mich, einen toten Juden, in seinen Händen hielt.
Mati Shemoelof: Hans Peter Riegel, einer von Beuys’ Biografen, wies darauf hin, dass viele von Beuys’ Gönnern und Freunden ihre Nazi-Vergangenheit verbargen. Aus Beuys’ Zwischenfall bei der Luftwaffe – sein Flugzeug wurde abgeschossen – formte Beuys den Mythos, er sei von nomadischen Tataren gerettet worden, die seinen gebrochenen Körper in Tierfett einwickelten und ihn wieder gesund pflegten. Seiner Erzählung nach sagten sie zu ihm: „Nje nemiecky, du Tatar“ – „Du bist kein Deutscher, du bist ein Tatar.“ In den Akten steht hingegen, dass Beuys bei Bewusstsein war und von einem deutschen Suchkommando geborgen wurde, dass es zu dieser Zeit keine Tataren im Dorf gab. Aber die Leute glauben immer noch seine Version der Geschichte. Glauben Sie an die Kraft von Beuys’ Verwandlung?
Joseph Sassoon Semah: Beuys war ein Soldat, der aus dem Krieg zurückkehrte und seinen persönlichen Schmerz nutzte, um Kunst zu schaffen. Er verwandelte sich vom Täter zum Opfer. Ich traue dieser sozialen Ordnung, die er geschaffen hat, nicht wirklich.
Mati Shemoelof: Beuys hatte in den 70er-Jahren enormen Einfluss auf die israelische Kunst, vor allem wenn es um Heilung ging – etwa in den Werken von Tamar Getter, David Ginaton und Moshe Mizrahi. 1973 ging David Ginaton zu Beuys’ Haus in Düsseldorf, nachdem er ihn in der Akademie nicht angetroffen hatte. Er kniete vor seinem Haus nieder, als wäre Beuys ein Gott.
David Ginaton, Beuys’ admiration. 1973. From the collection of the artist.
Joseph Sassoon Semah: Diesen Akt des Niederkniens fand ich sehr traurig. Ich denke, es sollte andersherum sein. Man sieht daran die Macht der Symbole. Ich weiß nicht, warum er das getan hat. Ginaton war israelischer Soldat, der in Deutschland war. Vielleicht hat die Faszination der Soldaten die beiden verbunden.
Mati Shemoelof: Warum nehmen Sie eine andere Perspektive ein als europäischstämmige israelische Künstler? Hängt das mit Ihrer Herkunft zusammen? Gibt es eine Verbindung zwischen dem Eindringen der Nazi-Ideologie in den Irak und Ihrer Kritik an Beuys’ Werk? Ihr Großvater Hacham Sassoon Kadoorie war bis zu seinem Tod 1971 Oberrabbiner der jüdischen Gemeinde in Bagdad.
Joseph Sassoon Semah: Ja, natürlich. Es geht nicht nur um die Deutschen. Es geht um westliche Ideologie. Und es betrifft die ganze Kulturwelt, auch die Werke von Beuys. Und natürlich betrifft es indirekt auch das Leben der Juden in der arabischen Welt. Das Wort „Antisemitismus“ kann in den arabischen Ländern nicht wirklich ernst genommen werden, weil sie ja auch semitisch sind. Ich selbst bin ein babylonischer Jude und ich weigere mich, dieser Konstruktion des Schweigens um Beuys’ Person zu erliegen. Ich bin frei davon. Ich kann ihn auf eine ganz neue Weise lesen. Doch es hat mich Zeit gekostet.
Das Gespräch führte Mati Shemoelof.
Berliner Zeitung, Nr. 10, Mittwoch, 13. Januar 2021, Seite 16
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