Herzattacke, S. 89–92 · Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer
Diese vier Gedichte von Mati Shemoelof stammen aus dem Gedichtband „Herzattacke“. Die Texte führen von Bagdad und Jerusalem über Haifa bis Berlin und Prag und verbinden persönliche Erinnerung, Migration, Sprache, Liebe und Geschichte. Aus dem Hebräischen übersetzt von Gundula Schiffer.
— Seite 89 —
„Das Schreiben ist ein Pferderennen“
„Das Schreiben ist ein Pferderennen", das mit dem Rennen nicht vorbei ist
du läufst weiter, auch wenn du ausruhst und im Stall Futter frisst
das Meer, auf das du als Kind geschaut hast
bringt dir keine Erinnerungen zurück, die es aus deinem Herzen ausriss
die Engel werden dir nicht helfen
auch das Wissen wird nicht helfen
in den höchsten Höhen wird man dich nicht fassen
Vergesslichkeit wird dich nicht stolz machen
du bist der Glücklose, dessen größtes Talent das Scheitern ist
und wenn das Gedicht endet, findest du nichts außer der Metapher
der Mensch wird ins Wort hineingeboren und stirbt, wo er an dessen Grenzen stößt
ist doch der Mensch nichts anderes als seine Worte
und schau, nun dehnt der Ort sich aus
über die Gitter der Wörterbücher hinaus
„Meine Großmutter wohnte hier“
„Meine Großmutter wohnte hier" in der Invalidenstraße
er zeigt neben irgendeine Tür, auf der bereits ein anderer Name steht
du aber kannst nicht zu dem Ort gehen, wo deine Großmutter wohnte
kannst nicht berühren
nicht fühlen, schmecken, vergessen
flüchten, zürnen und lügen
dich verlieben, schnell laufen um
die Schmetterlingsflügel deiner Väter mit einem
löcherigen Kescher von Gedichten zu erhaschen
Anmerkung:
Die Großmutter des Dichters stammt aus dem Irak und wuchs in Bagdad auf.
— Seite 90 —
„Jerusalem, deine Gebete werden nicht erwachen“
„Jerusalem, deine Gebete werden nicht erwachen" und den Schmutz
der Dichtung reinigen, der tief in die Urflut deiner Gläubigen sickert –
und dennoch lernst du hier die Tora
fährst in einem verschwitzten, miesepetrigen Scherut-Taxi durch
verstopfte Straßen die verdreckte Agripas-Straße, das verlassene Clal-Center,
die Fußgängerzone von King Gloomy
das Tor des Elends, der Land-Raub, der sich in ihre Adern verströmt, die
Herzattacke ihrer Mauern
zwischen den endlosen Gräbern der Fantasien Jerusalems hast du den Stein
der Weisen nicht gefunden
Anmerkungen:
Clal-Center: Kaufhaus und Bürogebäude in Jerusalem
King Gloomy: scherzhafte Abwandlung des Straßennamens der King George, einer belebten Einkaufsstraße in Jerusalem
das Tor des Elends: ein erfundener, poetischer Name für ein weiteres Stadttor in Jerusalem neben bekannten Toren wie dem Damaskus- und dem Jaffa-Tor
— Seite 91 —
„Und jetzt, weit weg von allen Problemen“
„Und jetzt, weit weg von allen Problemen" steigst du auf den Karmel in Haifa,
um die Seele auf Hochglanz zu bringen
du verliebst dich in die falsche Frau
sie lässt dich erledigt und abserviert im Viertel Hadar ha-Carmel zurück
du wirst nicht erleben, wie es sich in ein grünes Viertel verwandelt.
Der salzige Wind, der aus dem Meer aufsteigt, die Flaschen, die du draußen
vor der Tür lässt
die Nächte, die mit zitternden Händen enden, bringen dir nicht
die Kinder zurück
die aus dem verfluchten Land Israel fliehen, du hast sie respektiert,
sie respektieren dich nicht
aber warum? Auch du hast doch einen verfluchten, fernen Ort verlassen,
um zurückzukehren
aber wohin bist du zurückgekehrt, als sie fortgegangen sind?
Deine großherzigen Werte, Nordafrika
fallen in diese Kluft, die du bewohnst
in der Unterstadt
ich komme wieder zu dir, mein Freund aus Marokko, und bringe Leben mit
du lädst uns zum Essen ein, ohne ein Darlehen zu verlangen
das wir bis heute nicht zurückzahlen können
weder durch ein Gedicht noch in Gedanken
— Seite 92 —
„Du fährst von Berlin nach Prag“
„Du fährst von Berlin nach Prag"
ob die Bäume Gefühle haben?
Das Grau und das Weiß des Himmels leben friedlich nebeneinander
wie fühlt es sich an, dem Zusammenbruch eines Staates zuzuschauen
ohne Einfluss nehmen zu können auf die gewaltigen Ströme der finsteren Geschichte
die manchmal aus der tiefen Dunkelheit bricht und mit unserem Schicksal spielt
wie ein kleines Mädchen, das mit Knetgummi spielt?
Der Zug verpasst die Geschichten, die durchs Fenster hereinblicken
er kann nicht auf etwas lauschen, das gerade flüchtet
auf der Flucht ist vor dem Unbekannten, in die noch
unverstandene Vergangenheit
immer neue Flüchtlingsviertel werden gebaut, so viele
wie die Regentropfen, die die Blättchen des Sauerklees nässen
die Wurzeln strecken sich aus, bis es nicht mehr weitergeht
aber man baut kein Haus
mit dem Kummer eines Besuchs
vielleicht ist Liebe ein Berg, vielleicht auch ein Tal
oder vielleicht ist sie etwas Bewegtes, das niemals in einem Wort stillsteht
vielleicht sind wir beim Versuch, ihre Gipfel zu erklimmen mehr als einmal
abgestürzt
und ihre Abhänge hinuntergerollt
vielleicht hat der Krieg die Türen für unsere Seelen verschlossen
vielleicht wollten wir niemals an das rühren, was man nicht sagen darf
vielleicht haben wir angefangen, die anderen zu sein
vielleicht haben wir uns im Kreis gedreht
vielleicht dachten wir, alles ist hoffnungslos, haben auf die Rente geharrt wie
auf das Jenseits
vielleicht kommt die Erlösung nicht in Gestalt eines Gehalts, tritt an den
Eingang unserer Seele
in Gestalt eines Lyrikbandes
Aus dem Hebräischen von Gundula Schiffer
First published in „Herzattacke“, Mati Shemoelof, translated from Hebrew by Gundula Schiffer.
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