Jüdische Gegenwartsliteratur nach der Shoah

Was bedeutet es, als jüdischer Schriftsteller aus Israel in Deutschland zu leben und zu schreiben?

Mati Shemoelofs Literatur stellt diese Frage nicht von außen. Sie entsteht aus einer persönlichen Geschichte, die jüdische Familienerinnerung, Israel, Migration und das Leben im heutigen Berlin miteinander verbindet.

In seiner Arbeit ist die Shoah nicht einfach ein abgeschlossenes historisches Kapitel. Sie gehört zur europäischen und jüdischen Gegenwart – und damit auch zu den Fragen, die entstehen, wenn ein israelischer Jude in Deutschland lebt.

Doch Shemoelof schreibt nicht ausschließlich über die Shoah. Er schreibt über das, was nach ihr kommt: über Erinnerung, Angst, Krieg, Weiterleben, Sprache und die Verantwortung gegenüber anderen Menschen.

In einem Text aus Das kleine Boot in meiner Hand nenn ich Narbe schreibt er über die jüdische Gegenwart in Berlin:

„Meine Tochter gehört zu einer Gruppe israelischer Kinder“

Und weiter beschreibt er, wie ein jüdisches Zentrum aus Angst vor antisemitischen Angriffen nicht einmal ausdrücklich als jüdisches oder israelisches Zentrum gekennzeichnet wird.

Damit wird jüdische Gegenwart nicht abstrakt. Sie erscheint im Alltag, in Familien, in Kindern und in Berlin.

Gleichzeitig weigert sich Shemoelofs Schreiben, jüdische Erinnerung von der Geschichte anderer Menschen zu trennen. Seine Literatur fragt, wie eine Erinnerung an Verfolgung und Vernichtung zu einer ethischen Verantwortung in der Gegenwart werden kann.

In Fünfzehn Narben beschreibt er seine künstlerische Arbeit als Versuch,

„eine Verbindung zwischen Juden und Arabern, zwischen Israelis und Palästinensern“

herzustellen.

So entsteht eine jüdische Literatur, die nicht nur zurückblickt. Sie fragt, wie jüdisches Erinnern heute aussehen kann – in Deutschland, in Israel und in einer Welt, in der mehrere historische Erfahrungen gleichzeitig präsent sind.

Shemoelofs Literatur ist deshalb eine Literatur der Nachgeschichte: Sie beschäftigt sich mit dem, was Geschichte mit Menschen macht, nachdem die historischen Ereignisse vorbei sind.

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