Mati Shemoelof in KARUSSELL #1: Erscheinen | Three Poems

Discover three poems by Mati Shemoelof, translated from Hebrew by Gundula Schiffer and published in KARUSSELL #1: Erscheinen, a literary journal from Wuppertal.

KARUSSELL #1: Erscheinen (Zeitschrift für Literatur)

Neue Gedichte
Aus der Sammlung «Ohne Titel»
Mati Shemoelof
Aus dem Hebräischen: Gundula Schiffer
(S. 82)

Ohne Titel (Die Seele auf Hochglanz bringen) (S. 83)

Und jetzt, weit weg von allen Problemen steigst du auf den Karmel in Haifa, um die Seele auf
Hochglanz zu bringen
du verliebst dich in die falsche Frau
sie lässt dich erledigt und abserviert im Viertel Hadar ha-Carmel zurück
du wirst nicht erleben, wie es sich in ein grünes Viertel verwandelt.
Der salzige Wind, der aus dem Meer aufsteigt, die Flaschen, die du draußen vor der Tür lässt
die Nächte, die mit zitternden Händen enden, bringen dir nicht die Kinder zurück
die aus dem verfluchten Land Israel fliehen, du hast sie respektiert, sie respektieren dich nicht
aber warum? Auch du hast doch einen verfluchten, fernen Ort verlassen, um zurückzukehren aber
wohin bist du zurückgekehrt, als sie fortgegangen sind?
Deine großherzigen Werte, Nordafrika
fallen in diese Kluft, die du bewohnst
in der Unterstadt
ich komme wieder zu dir, mein Freund aus Marokko, und bringe Leben mit
du lädst uns zum Essen ein, ohne ein Darlehen zu verlangen
das wir bis heute nicht zurückzahlen können
weder durch ein Gedicht noch in Gedanken

Ohne Titel (Du verlierst den Namen deines Vaters) (S. 84)

über den Wolken der Türkei
an dem Plastiktisch des Flugzeugs schreibt Roberto Bolaño über seine Tage auf einem
Campingplatz irgendwo in Spanien
setzt sich zum Schreiben in ein leeres Schwimmbecken
kämpft gegen Moskitos, die sich im Winter vermehren
genau dann, wenn die anderen Leute abreisen (Applaus für den, der nur im Sommer an ferne
Orte fliegt)
du siehst ihn mit seinem Buckel durch die Straßen von Barcelona gehen
einmal als Schriftsteller aus Südamerika, dann wieder kommt er aus dem Nahen Osten
doch im Augenblick liegt sein Grab in hundert Gedichten verborgen
schwindsüchtig und fahl auf der deutschen Straße mit den gepressten Häusern
ihr seid in die Mission der Exilanten versunken
plötzlich, als er einen Strauß Tulpen kauft, entfährt dir ein Wort auf Spanisch
der chilenische Schriftsteller dreht sich um
er ist entdeckt
ein Tasten in der Finsternis der gesprochenen Worte
die ferne Erinnerung an die Migration
die nahe Erinnerung an die Fremdheit
und die Straße mit den gepressten Häusern atmet nicht


Ohne Titel (Das Schreiben ist ein Pferderennen) (S. 85)

Das Schreiben ist ein Pferderennen, das mit dem Rennen nicht vorbei ist
du läufst weiter, auch wenn du ausruhst und im Stall Futter frisst
das Meer, auf das du als Kind geschaut hast
bringt dir keine Erinnerungen zurück, die es aus deinem Herzen ausriss
die Engel werden dir nicht helfen
auch das Wissen wird nicht helfen
in den höchsten Höhen wird man dich nicht fassen
Vergesslichkeit wird dich nicht stolz machen
du bist der Glücklose, dessen größtes Talent das Scheitern ist
und wenn das Gedicht endet, findest du nichts außer der Metapher
der Mensch wird ins Wort hineingeboren und stirbt, wo er an dessen Grenzen stößt
ist doch der Mensch nichts anderes als seine Worte
und schau, nun dehnt der Ort sich aus
über die Gitter der Wörterbücher hinaus

These poems was published on the Wuppertal’s magazine. Translated by Gundula Schiffer.

CATEGORY: Poetry Anthologies & Publications

TAGS: Mati Shemoelof, Das Schreiben ist ein Pferderennen, Ohne Titel, KARUSSELL, Gundula Schiffer, poetry about writing, memory, language, contemporary poetry, Hebrew poetry, German translation

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