Kein Vogel sieht

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Mati Shemoelof

Übersetzung: stadtsprachen magazin

Der ehemalige israelische Dichter: Derzeit sieht kein Vogel
das palästinensische Kind begraben unter den Ruinen
eines Hauses, kein Tempel.
Das einzige Obdach dort
war die Liebe seiner Eltern,
deren gesamtes Leben Exil war
von ihrer Heimat jenseits der Grenze.

Wie viele Male wurde dieses palästinensische Haus zerstört?
Einmal in der “Nakba”1, die unsere Herzen spaltete,
ein weiteres Mal vom Traktor, der unser Land pflügt,
erneut in der “Naksa“2, die unsere Hoffnung nahm,
erneut mit den Siedlungen, die unsere Hände abtrennten,
erneut mit dem Rassismus, der unsere Ohren aufschlitzte,
noch einmal mit dem Traum einer weiteren erzwungenen ethnischen Säuberung, die unsere Seelen verkohlte.

*

Angst und Furcht sind unsere Namen,
Wir durften nie Zärtlichkeit berühren,

Verzweiflung Terror –
schritten neben uns wie unsere Brüder und Schwestern.

*

Das palästinensische Kind sagt: Ich habe weder Vor- noch Nachnamen
Keine israelische Fußballmannschaft zeigt meinen Namen oder Fotos von mir,
keine Schilder außerhalb der Städte oder innerhalb,
Keine Gedicht wird über mein Leiden geschrieben werden – nicht vom Nationaldichter der Besetzer.
Ich habe nicht den Segen deines Gottes (ja, du kannst jetzt anfangen für mich zu beten),
kein Platz in deinem Herzen trägt mein Gedicht,
keine deiner Geschichten kennzeichnet meine Familie,
Meine Familie ist auch unter den Trümmern begraben
wie andere Familien ohne Namen.

Ich bete zu Gott, wie meine Eltern es taten, doch er hört meine Gebete nicht.

Doch ich habe kein weiteres Gebet, ich flehe ihn an, die Bomben zu stoppen

das Feuer zu stoppen, den Schmerz zu stoppen, das Verhungern zu stoppen,

Ich will leben wie die anderen Kinder …
Und mein Vater,
der immer wieder in Kolonialhaft war
ohne Richter oder Anwalt.
Und was bleibt meiner Mutter?
Nur weißes Haar, das Zeichen ihrer Sorgen
Nur wenige in der Nation, die uns das Erbe unserer Generation gestohlen hat, erinnern sich an das, was uns angetan wurde, und weniger noch
erheben ihre Stimme ohne Angst.

*

Der ehemalige israelische Dichter: Ein Tempel muss erst existieren
bevor er zerstört werden kann
Du hattest nie das Glück, heraufzusteigen –
nur um tief in der Erde zu versinken
die anderen armen Seelen ohne Nation zu treffen. Diejenigen, geflutet von Trauer über das Schwert, das eine
Kluft zwischen uns schnitt.

Jetzt teilen wir eine Sprache der Toten,
Kummer über das, was wir zurückließen
Kummer über das, was uns irgendwo in der Zukunft noch erwartet.

*

Und jetzt weinst du und küsst
deine Eltern
sie bringen dich jenseits des Flusses Lethe.3

Dein Tempel kann niemals zerstört werden –
denn du hattest keinen Tempel
außer sie.

*

Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, ob du deine Eltern gefunden hast

geleitet von den Engeln.
Und ich weiß, dass einige Dichter die Worte mögen
Doch es gibt keine Heiligkeit im Tod unter Besatzung und Hungersnot oder unter Bomben

„heilig“, „seraph“ oder „rein“ sind Wörter, die nur der Besetzer benutzen kann
Kleines süßes Kind, ich weiß, dass die Menschen, die ich zurückgelassen habe

dich unter
Säulen aus Beton begraben haben
durch eine Bombe, teurer
als alles, was du jemals
in deinem ganzen Leben besaßt.

Ich schäme mich und es tut mir leid, dass wir uns nie kennengelernt haben.

Wie du vor dem Schöpfer stehst
bitte nicht um Gnade, Mitgefühl oder Vergebung.
Bitte nur darum, dass sie deinen Namen aussprechen,
dass sie deine Geschichte erzählen
Während sie ihre eigenen Namen aussprechen, ihre eigenen Geschichten erzählen, über ihr eigenes Leben berichten

Nur dann, wenn sie über dein Leben berichten
so wie sie über ihr eigenes berichten
wirst du ewigen Frieden finden.

*

Währenddessen
gibt es in Gaza keinen Raum für Träume, nur Alpträume.
Wer hört das Seufzen?
Gibt es Platz, diesen verfluchten Ort zu segnen, wo du aufwuchst?
Ist es möglich, Gnade in diesem Leiden zu finden?
Kann das Wort Kummer ausgesprochen werden, nur in Verbindung
zu dem israelischen Volk, das dich und deine Träume begraben hat?

Sicherlich kann überhaupt nicht von Liebe gesprochen werden.

Und wie lautet dein Name?
Sie wissen es immer noch nicht.
Deine Geschichte überquert nicht den Fluss des Vergessens.
Und jene, die überquerten
wissen, erkennen und nehmen wahr.

Nur im Untergrund gibt es Liebe.
Nur unter den Säulen aus Beton
kann von Ewigkeit und Segen gesprochen werden.

Weit unterhalb Kaf HaKela4
werden sie deinem Volk weder Flagge noch Staat zugestehen.
Nur der Ausschuss gegen Folter
wird Briefe schreiben, die niemand lesen wird.

Und doch bittet der ehemalige israelische Dichter
das namenlose palästinensische Kind zu segnen
die palästinensische Mutter, die ihr Schicksal verlor
das Volk, das noch nie einen Tag des Segens sah
auf dem Antlitz der Erde.

Mögen wir in der Lage sein, deinen Namen auszusprechen,
und den Namen deiner Familie.
Mögen wir dir ein Zimmer errichten
in einem Tempel des Friedens.
Mögen wir deinen Namen ausrufen
vom Beginn der Welt bis zur Genesis.

Möge dein Name den Raum der Welt erfüllen.
Und uns die Kraft geben,
wie Musik Heilung, Versöhnung und Hoffnung hervorzubringen.
Jedes Kind, das von uns gegangen ist,
ohne Rückweg
trägt die Begrenzung der Welt,
die ausgelöschten Tage der Sonne.

Und mögen wir in der Lage sein, deinen Namen auszusprechen,
und den Namen deiner Familie
wie jeden Namen auf der Welt,
Gleiche unter Gleichen.

Um deine Hoffnung aufleben zu lassen,
deine Träume,
ein Fußballspiel,
die Umarmung des Vaters
der Blick voller Stolz deiner Mutter.

Und möge diese Nation sich distanzieren
von Kriegsverbrechen, Rassismus und Exklusion.
Mögen wir weder diejenigen sein, die versuchen, dich zu zerstören,
noch diejenigen, die wünschen, deinen Namen zu vergessen.

Vergib uns, dass wir uns nicht an deine Geschichte erinnern,
den Namen deiner Familie.

Es gibt keinen leuchtenden Himmel
in den sieben Firmamenten
nur Stimmen voller Freude
während du mit deinen Eltern wiedervereint wirst.

Und unterhalb der Erde
gibt es ein Geheimnis, das sich uns entzieht.

Danke an Chaim Rubinstein für die Übersetzung aus dem Hebräischen und die Arbeit an der englischen Version.

Übersetzung ins Deutsche von Chiara Schimpe, Birger Hoyer und Joey Bahlsen

  1. Die Nakba (arabisch: النَّكْبَة, romanisiert: an-Nakba, wörtlich: „die Katastrophe“) ist die ethnische Säuberung von palästinensischen Arabern durch ihre gewaltsame Vertreibung und Enteignung von Land, Eigentum und Besitz, zusammen mit der Zerstörung ihrer Gesellschaft und der Unterdrückung ihrer Kultur, Identität, politischen Rechte und nationalen Bestrebungen.

  2. Die Naksa (arabisch: النكسة, „der Rückschlag“) war die Vertreibung von etwa 280.000 bis 325.000 Palästinensern aus dem Westjordanland und dem Gazastreifen, als die Gebiete im Sechstagekrieg 1967 von Israel erobert wurden.

  3. Lethe ist einer der fünf Flüsse der griechischen Mythologie, die durch die Unterwelt fließen. Sein Name bedeutet „Vergessenheit“, und man glaubte, dass die Seelen der Toten aus seinem Wasser tranken, um ihre vergangenen Leben vor der Reinkarnation oder der ewigen Ruhe zu vergessen.

  4. Kaf HaKela (הקלע כף) ist ein Begriff aus der jüdischen Tradition, der einen Ort der Qual für die Seelen der Sünder nach dem Tod beschreibt, wo die Seele ohne Ruhe von einem Ende zum anderen getrieben wird.



English Translation: Chaim Benjamin Rubenstein

First published in stadtsprachen magazin. Volume 32.

Category

Poetry

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